Dies ist eine Leseprobe aus dem 1. Kapitel Im fremden Land

Groß war das Meer, unendlich weit der Blick über die leise zum Ufer fließenden lang gestreckten Wellen mit ihren winzigen weißen Schaumkrönchen. Die Morgensonne stieg mit einem zarten Schimmer von gelb und rot am Horizont aus dem Wasser. Ein Weg aus Licht und Bewegung floss in den Sand. Die Abdrücke von zahllosen kleinen Füßchen hatten Dellen in den trockenen Sand gedrückt. Da, wo das Wasser an den Strand spülte, glätteten sich die Spuren, und nichts war zu sehen. Auf einer trockenen Muschel saß ein kleines Wesen, das verträumt dem Morgen entgegen blinzelte.

Eine große Möwe, die nach Essbarem suchte, entdeckte Panti zuerst. Sie drehte ein paar Kreise in der Luft, flog im Gleitflug langsam näher, drehte den Kopf nach rechts und nach links, setzte zur Landung an und stand in ein paar Meter Abstand vor diesem merkwürdigen Ding. Interessiert und erstaunt betrachtete sie das, was sie da entdeckt hatte.

„Verzwiebel dich“, fauchte der kleine Fremdling, „siehst du nicht, dass du mir im Wege stehst?“ Die große Möwe flog erschreckt ein paar Hopser zurück.

„Wer bist du denn? Du Großmaul! Pass auf, dass ich dich nicht zum Frühstück fresse“, gab die Möwe verärgert zurück.

„Mich frisst du nicht“, giftete der Winzling zurück, „ich bin zäh und giftig“.

„Macht mir nichts aus, du Giftpilz“, grinste der Vogel und betrachtete das merkwürdige freche Krabbelding. Es hatte warme apfelsinenfarbene Pantoffeln an, sein Jäckchen war viel zu groß und quittengelb, und seine meergrünen Augen funkelten: „Hüte dich, du schräger Vogel, wenn du dich hier mopsig machst, verzaubere ich dich in eine Muschel und kleb dich auf einem Stein fest“.

„Wieso ausgerechnet in eine Muschel?“ erkundigte sich die große Möwe interessiert.“

„Na, wenn ich dich festgeklebt habe, kannst du mich doch nicht kriegen“, kam die Antwort.

Eine zweite Möwe landete dicht bei: „Was sagst du dazu? Hast du schon mal so ein unverschämtes Ungeheuer gesehen?“ fragte die große Möwe den Neuankömmling. „Nein“, gab die Kleine zurück. „Was ist das für ein Vieh?“

„Hast du Vieh gesagt?“, erkundigte Panti sich.

„Hab ich“, antwortete die zweite Möwe.

Ohne Vorwarnung spritzte Panti in hohem Bogen einen dicken Strahl knallrote Farbe auf ihre Füße. „Jetzt kannst du sagen, du wärst ein Storch, du Vieh“, empfahl er dazu.

Die frisch bemalte Möwe guckte an sich herunter und staunte nicht schlecht darüber, dass so ein kleiner Winzling sich traute, so frech zu sein. Sie sah zu ihrem Freund herüber und dann mussten die beiden laut lachen.

„Du traust dich was“, meinte Martin, die große Raubmöwe, und Marianne, die kleine Lachmöwe wusch sich im Wasser die Farbe von den Füßen.

„Ich muss mich was trauen“, rief der Pantoffelknirps, „wer so klein ist wie ich, der muss mutig sein, sonst sind die Großen wie ihr nur frech und überheblich.“

„Da ist was ’dran“, fand Marianne, „mich jagen die Großen immer vom besten Futter weg und fressen vor meinem Schnabel die dicksten Brocken, ohne mir etwas mitzugeben.“

„Du bist aber doch ziemlich groß“, fand Panti.

„Aber viele andere sind noch größer“, und Marianne stieg mit sauberen Füßen aus dem Wasser. „Wo hattest du denn die Farbe her? Und was war das?“, wollte sie wissen.

„Erzähl’ ich dir doch nicht! Das ist nämlich Zauberfarbe, damit kann ich mich unsichtbar machen.“

„Mach doch mal“, forderte Marianne ihn auf.

„Geht nur im Wasser“, antwortete Panti. 

„Was?“, staunte Marianne, „erklär mir das“.

Panti musterte die Beiden und richtete seine Augen von einem zum anderen, wobei er feststellte, dass Martin wirklich fast doppelt so groß und dick war wie die kleine Vogelfrau. „Ach“, seufzte er dann, „das ist eine lange Geschichte, ich glaube kaum, dass die euch interessiert.“

„Doch, doch“, versicherten ihm die Zwei, denn sie hatten noch nie ein so farbenprächtiges kleines Ungeheuer in warmen Pantöffelchen gesehen.

„Wie wäre es, wenn wir dich zu uns nach Hause einladen? Wir könnten zusammen frühstücken und uns ein wenig näher kennen lernen.“

„Wohnt ihr denn zusammen“, wollte Panti wissen.

„Ja, wir sind seit Jahren befreundet und wohnen im Hafen, oben in der Fischhalle, da ist es sehr gemütlich und sonnig“.

Und Marianne ergänzte: „ zu essen gibt es reichlich, die Fischer sind sehr nett zu uns“.

*

Die Sonne war inzwischen dem Meer entstiegen. Sie wärmte den Strand und leuchtete aus blauem Himmel mit gelbem Licht. Das stimmte Panti sehr friedlich, er hatte es gerne warm. "Ist es weit bis zu euch nach Hause?"

„Ich kann dich auf meinen Rücken nehmen“, bot Martin ihm an.

„Wie schön“, freute sich Panti, „es ist das erste Mal, dass ich fliegen kann. Aber passt mein Koffer denn auch dazu?“

"Wo ist denn hier ein Koffer?"

„Moment, Momentchen, ich hole ihn eben“, und bevor die Beiden sich wundern konnten, war Panti ins Wasser gelaufen und in den Fluten verschwunden.

„Du lieber Himmel, jetzt ist er weg“, sagte Marianne. Aber da kamen seine grünen, glänzenden Augen zum Vorschein und dann das ganze kleine, bunte Männchen, das einem Mars-männchen sehr ähnlich sah. Er schleifte einen offenbar sehr schweren Koffer hinter sich her. Um den Hals hatte er eine glänzende Tasche, deren Regen-bogenfarben auf einem silbernen Grund wie Diamanten funkelten. Sie hing an einer dicken goldenen Kette. "Meinst du, dass wir das alles transportieren können?", fragte Panti besorgt.

Unter diesen erschwerten Umständen wurde der Plan ein wenig geändert. Panti kletterte auf Mariannes Rücken, Martin wuchtete den schweren Koffer zwischen seine Flügel, und dann liefen die Beiden nebeneinander her und brauchten einen riesenlangen Anlauf, um sich mit ihrer Fracht und dem Fahrgast in die Höhe erheben zu können.

Panti fiel vor Schreck beinahe in die Tiefe. Ihm wurde schwindelig, als er in luftiger Höhe auf dem Rücken seiner neuen Freundin nach unten sah. Alles war so klein, und das lautlose Schweben so hoch in der Luft, wie auf Wellen geschaukelt, ängstigte ihn sehr. „O, du lieber Himmel“, flüsterte er immer wieder.

„Mach dir keine Sorgen“, tröstete ihn Marianne, „auf meinem Rücken bist du sicher wie auf einem Sofa.“

"Und wenn wir abstürzen?"

„Aber Panti“, erwiderte Marianne, „Vögel stürzen nicht ab. Flugzeugen kann so etwas schon passieren, aber Vögeln doch nicht!“

Das leuchtete Panti ein. "Natürlich, dir geht ja auch das Benzin nicht aus!"

„Natürlich“, lachte Marianne. Sie machte einen langen Gleitflug, damit er sich an das Fliegen gewöhnen konnte.

Leise glitt die Landschaft unter ihnen hinweg. Wälder wechselten mit Wiesen, Seen und dem Meer mit Schiffen und Booten, Straßen mit Autos, Landschaften mit Tieren. Alles sah wie Spielzeug aus. Jetzt war Panti begeistert. Er kuschelte sich zwischen die weichen Federn und seine funkelnden Augen blickten nach rechts und nach links, um alles genau zu sehen. Noch ein paar Kurven, dann ging es in Richtung Hafen.

Wie es weiter geht, könnt ihr in dem Buch lesen, das zu jeder Seite ein großes Bild hat.

Insgesamt gibt es 30 farbige Illustrationen.

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